They Call It Love

They Call It Love

Solo show at Kunstraum Baden 2025. Curated by Patrizia Keller
20.9. – 30.11.2025

What holds our society together at its core? On which structures do social systems rely?  In my solo exhibition They Call It Love—a reference to the book of the same name by Alva Gotby (2023)—I explore the subtle, often invisible structures of care, maintenance, and everyday organization. The art space is now (since 2024) located in the Merker-Areal, a former production site for - among others - washing machines (the legendary Merker Bianca), a story that inspired me to continue my artistic research on the subject of drying. At the center of the exhibition is a custom-developed knit created at the renowned TextielLab in Tilburg (NL). Transparent, elastic, and interwoven with symbols and text fragments, it unfolds into a site-specific installation that merges textile and sculptural elements. This work points to the delicate connections that make our coexistence possible—elastic and adaptable, resilient yet fragile, and often easy to overlook.

Pictures: Anja Wille Schori

Thanks to: Mondriaan Fund
Yani Chuang, TextieLlab Tilburg, Vanja Lazarević, Noah Cohen, Patrizia Keller, Fanny Frey, Christoph Küng, Sandra Fritschi, Roland Rub, Fraser Muggeridge for the font in the textile.

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Image - Exhibition view

Exhibition view

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Exhibition view

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Image - Clothepin, casted tin, Size: 7.5 x 1 x 1.5 cm

Clothepin, casted tin, Size: 7.5 x 1 x 1.5 cm

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Image - Title: I call you later, knitwear, Size: 260 x 135 cm

Title: I call you later, knitwear, Size: 260 x 135 cm

Image - Detail

Detail

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They Call It Love

Image - TITLE: ADD TIME, Tulle, Wood (Clothes Pins), Size: 65 x 130 x 1 cm

TITLE: ADD TIME, Tulle, Wood (Clothes Pins), Size: 65 x 130 x 1 cm

Was hält unsere Gesellschaft im Innersten zusammen? Auf welche Strukturen stützen sich soziale Systeme? In ihrer Einzelausstellung They Call It Love – ein Verweis auf das gleichnamige Buch von Alva Gotby (2023) – widmet sich Stéphanie Baechler den feinen, oft unsichtbaren Strukturen von Fürsorge, Pflege und alltäglicher Organisation. Im Zentrum steht ein eigens entwickeltes Gestrick, das im renommierten TextielLab in Tilburg (NL) entstand. Transparent, dehnbar und durchzogen von eingewebten Symbolen und Textfragmenten, entfaltet es sich zu einer raumgreifenden ortsspezifischen Installation, das textile und skulpturale Elemente miteinander verbindet. Diese verweist auf die feinen Verbindungen, die unser Zusammenleben ermöglichen – elastisch und anpassungsfähig, belastbar und doch fragil, und häufig leicht zu übersehen.

Image - TITLE: Too many screens, textile, pin, Size: 200 x 50 cm (dimension variable)

TITLE: Too many screens, textile, pin, Size: 200 x 50 cm (dimension variable)

Image - TITLE: Too many screens, textile, pin, Size: 200 x 50 cm (dimension variable)

TITLE: Too many screens, textile, pin, Size: 200 x 50 cm (dimension variable)

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Das eigens für They Call It Love entwickelte Gestrick hat sie mit Hilfe einer computerbasierten Stricktechnik entwickelt, die digitale Entwürfe in eine materielle, textile Struktur übersetzt und bei der jeder Pixel zu einem Faden wird. Im Raum wirken die Textilien fragil und transparent, fast übersehbar. Erst bei näherem Hinsehen offenbart sich ihre Tragweite: die immense, oft unsichtbare Arbeit, die hinter dem scheinbar Leichten steckt. Ausgangspunkt für ihre ortsspezifische Arbeit ist der historische Kontext des Merker-Areals – ehemals Metallwarenfabrik und heutiger Standort des Kunstraum Baden. Einst wurden hier Haushaltsgeräte produziert, darunter die legendäre Merker-Bianca-Waschmaschine. Die industrielle Geschichte des Ortes, geprägt von Produktion, Pflege und Haushalt, bildet den Resonanzraum für die raumgreifende Installation.

Mehrere an Wäscheständer erinnernde skulpturale Konstruktionen aus Fiberglasstäben strukturieren den Raum. Sie dienen als Träger für das textile Material, das sich darüberlegt, hindurch windet und sich flexibel an die Gestelle anpasst, um dazwischen in Schichten oder locker gespannt über den Boden zu fliessen. In die transparenten Gewebe aus Monofil sind hölzerne Wäscheklammern eingeschoben, die zusammen Wörter oder Textfragmente wie «Magic Maids», «Full Care», «La fée du logis» oder «Add Time» formen. Sie erscheinen wie beiläufige Kommentare, geheime Botschaften oder stille Zeugnisse unsichtbarer Arbeit. An einem der Gestelle reihen sich aus Zinn gegossene Wäscheklammern aneinander. In ihre Oberfläche sind ähnliche Textfragmente eingraviert. Die Zinnklammern erinnern an den Brauch des Zinngiessens zu Neujahr, bei dem aus der Form des erkalteten Metalls Wünsche oder Deutungen für Zukünftiges gelesen werden. Im Hintergrund erscheint vor weisser Wand in grossen Lettern der Schriftzug «Add Time». Erst beim Näherkommen offenbart sich eine Vielzahl zerschnittener Namensetiketten – wie man sie aus Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder Schulen kennt, um Kleidung eindeutig zuzuordnen. Doch statt eines Namens ist in feiner «Schnürlischrift» der Satz «Too many screens» eingestickt – eine Reflexion über die (digitale) Überlagerung unseres Alltags.

Auf der linken Seite im Raum hängen zwei grossformatige Gestricke. Eine stilisierte Hausform ist in die Textilien eingearbeitet. Innerhalb dieser Struktur erscheinen Icons wie «Today», «Add Time», das Standort-Symbol oder «Create» – visuelle Elemente, die der Bildsprache des Google Kalenders entlehnt sind. Die Zeichen erscheinen reliefartig, fast wie eingraviert oder aus dem Gewebe herausmodelliert, wodurch das Textil eine skulpturale Qualität erhält und sich in ein dreidimensionales Bild verwandelt. Die Symbole stehen stellvertretend für die digitalen Werkzeuge, die unseren Alltag strukturieren und organisieren sollen.

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Stéphanie Baechlers künstlerische Praxis ist eng mit Literatur und theoretischen Texten verwoben. Ihre Arbeiten entstehen oft im Dialog mit dem, was sie liest – Gedanken, Konzepte und Sprachbilder fliessen direkt in die Entwicklung ihrer Werke ein. Der Titel They Call It Love, entlehnt dem gleichnamigen Buch von Alva Gotby (2023), fasst für Baechler zentrale Fragen zusammen, die sie in ihrer Installation verhandelt. Welche Arbeit geschieht im Hintergrund, alltäglich und unverzichtbar, und bleibt dennoch oft unbeachtet – und weshalb? Sorge- oder Fürsorgearbeit sind essenziell für das Funktionieren des kapitalistischen Systems, werden jedoch gesellschaftlich häufig entwertet und selten als Arbeit anerkannt. Die skulpturalen Konstruktionen in der Installation bestehen aus Fiberglas – einem filigran wirkenden, aber hochstabilen Material aus dem Bauwesen. Sie greife die Formensprache der 1950er-Jahre auf und zitieren den ikonischen «Stewi» – ein Symbol für eine Zeit, in der häusliche Arbeit eng mit traditionellen Geschlechterrollen verknüpft war. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg brachte neue Haushaltsgeräte, die vermeintlich Entlastung versprachen, ohne jedoch die strukturelle Ungleichheit wesentlich zu verändern. Obschon sich gesellschaftliche Strukturen seither verändert haben, bleiben tiefgreifende Herausforderungen bestehen – insbesondere im Hinblick auf emotionale Arbeit und Sorgearbeit im Kontext des Kapitalismus.

Patrizia Keller